Ein Morgen in Punda

Um sieben Uhr früh öffnet sich im Hafen von Willemstad die bedeutendste Pontonbrücke der Welt. Sie verbindet die Viertel Punda und Otrabanda, ohne den natürlichen Hafen der Stadt für Hochseeschiffe unpassierbar zu machen.

Bald danach schiebt sich ein erstes Kreuzfahrtschiff an meinem Balkon vorbei, das die größten Hotels von Punda um Stockwerke überragt. Ein Ehepaar tritt aus seiner Kabine. Sie tragen Nachthemd und Pyjama und blicken gelangweilt zu mir herüber. Uns trennen nur zwanzig Meter, doch für die surreale Qualität unserer Nichtbegegnung fehlt ihnen in dieser frühen Stunde der Sinn.

Auf der Terrasse einer Luxuskabine über ihr versuchen zwei amerikanische Pensionisten vergeblich ihren Reichtum mit dem Tragen bunter Schirmmützen herunterzuspielen. Andere Reisende schwenken ihre Kameras Richtung Hafenzeile und winken mir zu. Für sie bin ich eine touristische Attraktion, denke ich zufrieden, als sie mein pinkfarbenes Hotel abfilmen. Es dauert fast fünf Minuten, bis das riesige Schiff den Himmel vor meinem Zimmer wieder freigibt. Ihm folgen in knappem Abstand zwei Tanker mit der Behäbigkeit großer Reptilien.

Ein neuer Tag, ein neues Schiff

Nach dem Passieren der schweren Schiffe ist die Stunde der Fähren gekommen, die nun statt der Brücke die Viertel verbinden. Ihr Ablegen wird vom Schlagen einer Glocke angekündigt. Auf dieses Zeichen hin schießt ein Hund bellend aus einem der Gässchen und läuft seitlich neben der Fähre namens NC-10F her, die allerdings bald nach rechts abdreht, um – einen perfekten Halbkreis beschreibend – auf der anderen Seite, der Otrabanda, anzulegen. Das Manöver dauert nicht länger als eine Minute. Gleichzeitig löst sich dort die NC-10F von der Anlegestelle und dreht wie ein Spiegelbild ihre Pirouette nach links. Irgendwann verschiebt sich die Sympathie des Hundes von der NC-09F zur NC-10F und aus seinem Trennungsschmerz wird eine wilde Willkommensfreude.

Von seiner Begeisterung angelockt, stößt ein zweiter Hund dazu, der bereit ist, sich auf das Spiel einzulassen; zwei alte Freunde, die es nicht mehr nötig haben, voreinander zu renommieren, ersparen sie sich das Beschnüffeln und bellen sofort mit verdoppelter Kraft. Sie ähneln sich wie Brüder. Die asketische Sehnigkeit geeichter Straßenhunde ist ihnen gemein, doch wirkt ihr sandfarbenes Fell in der Morgensonne nicht ungepflegt. Sie scheinen hier in der Sint Anna Bay gut über die Runden zu kommen.

Am hinteren Ende der Fähre schlägt der Motor das Wasser schaumig und kommt endlich zum Stillstand. Die Fähre leert sich ohne Hast. Männer und Frauen in allen Kaffeeschattierungen schlängeln und schunkeln aneinander vorbei. Fast könnte man sagen sie tänzeln, und die kantigeren, scharf abgewinkelten Bewegungen der wenigen Europäer zwischen ihnen wirken, als wären sie Maschinen abgeschaut.

Danach schließt sich die Königin-Emma-Brücke wieder, und macht die Arbeit der beiden Fähren überflüssig. Der Gehilfe des Kapitäns verzurrt das ölige Tau an einem der Puller. Damit wird auch dem Spiel der Hunde jede Grundlage entzogen und sie verschwinden ohne Bedauern in einer der papageienfarbenen Gassen.

 

Der Rhythmus der Sint Anna Bay

 

Ich habe genug gesehen, doch schaffe ich es genauso wenig, mich von der Sint Anna Bay loszureißen wie in ihr schleifenförmiges Sosein überzutreten. Immer noch erwarte ich mir neuartige Attraktionen, die nicht eintreten, denn weder die Souvenirgeschäfte noch die Straßencafes haben so früh am Morgen geöffnet. Statt den zahlenden Touristen nehmen einfache Arbeiterinnen an den Terrassentischen Platz und warten darauf, dass die Fähre ihre Arbeit wieder aufnimmt. Jede zweite Frau ist übergewichtig. Die Lethargie wird vom Klima diktiert und ist, so phantasiere ich, ein später Nachhall der Sklaverei, die einst jeden individuellen Ehrgeiz ad absurdum führte.

Kleine Wattewolken liegen still über den schmalen holländischen Giebelhäuschen und verspotten meine aus Europa importierte, noch nicht abgelegte Hoffnung auf rasche Erneuerung aller sinnlichen Eindrücke. Und wieder einmal muss ich die Niederländer bewundern, denen es – eingekeilt zwischen drei überragende Großmächte – gelungen war, den entlegendsten Weltteilen ihren orangen Stempel aufzudrücken.

In der Ferne kratzen die Schornsteine des Kreuzfahrtschiffes fast an eine Autobahnbrücke, die in hundert Metern Höhe über das Ende der Bay gespannt ist. Später taucht es vollgetankt und gewendet wieder vor dem Hotel auf. Hinter ihm, in der Ferne zwischen den Palmen ducken sich verschämt die silberglänzenden und rostigen Zylinder der Raffinerie, die an manchen Tagen einen feinen Petroleumgeruch in die Straßen der Stadt entsenden.

Offenes Meer vor Otrabanda

Jetzt muss die Brücke wieder zurückgefahren werden. Schon richten sich die Fährkapitäne ihre Mützen gerade und sehen mit Befriedigung, wie sich unter ihnen die Plattform mit Menschen und ihre eigene Existenz wieder mit Sinn erfüllt. Alles läuft ab wie beim letzten Mal, wenn man von den beiden Hunden absieht, die diesmal ihren Auftritt verpassen. Sonst hätte man den Beweis gehabt, dass das Leben in Willemstad sich nicht zielstrebig nach vorne in eine unbekannte Zukunft bewegt, sondern in tänzelnden Schleifen. Alles dreht sich im Kreis, bzw. im Halbkreis der Fähren zwischen Punta und Otrabanda.

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Anton Badinger
Über mich. Mag. art. Anton Badinger. Nach dem Studium der Gestaltungslehre an der Universität für angewandte Kunst arbeitete ich für diverse Werbeagenturen (PKP BBDO, Wahrheit, Publicis). Seit 2005 betreue ich vermehrt eigene Kunden, insbesondere aus dem Bereich Klein- und Mittelbetriebe.

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